oranges Papierboot, welches einen Kreis von grauen Papierbooten verlässt

Digitale Souveränität: für HIN kein Trendwort, sondern Leitmotiv

Philipp Senn
Philipp Senn

Digitale Souveränität ist heute ein Trendwort. Aber ein wichtiges. Denn gerade im Gesundheitswesen ist es elementar, dass Gesundheitsfachpersonen jederzeit die Kontrolle über die ihnen anvertrauten sensiblen Daten haben. Im Interview erklärt Lucas Schult, CEO von HIN, wie HIN zur digitalen Souveränität beiträgt und was ihre Plattformerneuerung damit zu tun hat.

Lucas Schult

Lucas Schult ist Geschäftsführer von HIN

«Digitale Souveränität eines Staates oder einer Organisation umfasst zwingend die vollständige Kontrolle über gespeicherte und verarbeitete Daten sowie die unabhängige Entscheidung darüber, wer darauf zugreifen darf. Sie umfasst weiterhin die Fähigkeit, technologische Komponenten und Systeme eigenständig zu entwickeln, zu verändern, zu kontrollieren und durch andere Komponenten zu ergänzen.»

Definition des Digital Gipfel 2018 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Lucas, der Begriff digitale Souveränität ist heute in aller Munde. Inwiefern tangiert die Thematik die Akteure des Gesundheitswesens?

Informationen mittels Suchmaschinen oder KI-Lösungen suchen, E-Mails und Kurznachrichten schreiben, Fotos vom Smartphone mit der Cloud synchronisieren… In der heutigen Zeit arbeiten wir alle digital, halten Informationen elektronisch fest, nutzen digitale Lösungen – beruflich ebenso wie privat. Dabei geben wir Informationen preis – über uns selber, und vor allem im beruflichen Kontext auch über andere. Digitale Souveränität betrifft deshalb jede und jeden von uns. Sie bedeutet, dass wir die Kontrolle darüber haben, was mit unseren Daten geschieht und wer darauf zugreifen kann.

Und das ist oft nicht der Fall?

Genau. Weisst du beispielsweise, für welche Auswertungen die Informationen genutzt werden, die du in der Suchmaschine deines Browsers eingibst? Oder wie die Fotos geschützt sind, die du via Messenger an Freunde versendest? Im privaten Kontext ist das eine Sache. Doch im beruflichen Alltag von Gesundheitsfachpersonen, wo täglich sensible Gesundheitsdaten generiert und ausgetauscht werden, hat das Thema eine viel höhere Brisanz. Hier dürfen nur Lösungen eingesetzt werden, die speziell für das Schweizer Gesundheitswesen entwickelt wurden und die gängigen Datenschutzanforderungen erfüllen.

Digitale Souveränität betrifft jede und jeden von uns.

Welche Voraussetzungen müssen digitale Lösungen im Gesundheitswesen erfüllen?

Die Schweiz hat strengere Anforderungen an den Datenschutz als viele anderen Länder. In den USA beispielsweise erlauben es der Cloud Act oder der Foreign Intelligence Surveillance Act US-Behörden, Zugriff auf Daten zu verlangen, selbst wenn diese in der Schweiz liegen… Deshalb ist Vorsicht geboten bei Lösungen, bei denen die Daten nicht in der Schweiz gespeichert oder verarbeitet werden – beispielsweise bei vielen gängigen Cloud-Lösungen oder Messenger-Diensten, ebenso wie bei KI-Lösungen. Bei Letzteren ist auch Zurückhaltung geboten bei Konstruktionen, die per Anonymisierung Daten mit einer amerikanischen oder chinesischen KI verarbeiten. Denn eine hundertprozentige Zuverlässigkeit lässt sich dabei nicht garantieren.

Die Lösungen grosser, internationaler Tech-Konzerne sind jedoch oft erschwinglicher und bieten einen grösseren Funktionsumfang als ihre Schweizer Alternativen. Ist das fair?

Wurde eine Lösung in der Schweiz entwickelt und werden auch die Daten ausschliesslich in hiesigen Rechenzentren gespeichert, hat das seinen Preis – Stichwort «Hochpreisinsel». Ausserdem können die Kosten einer Lösung spezifisch für den Schweizer Markt in der Regel nicht auf Millionen von Nutzern verteilt werden. Dafür können Schweizer Anbieter vielleicht individueller auf ihre Nutzer eingehen und einen persönlicheren Support bieten. Zu einer qualitativ hochwertigen Behandlung gehört auch ein sorgfältiger Umgang mit den sensiblen Gesundheitsdaten, davon sind wir bei HIN überzeugt. Und dieser sorgsame Umgang, der sollte uns auch etwas Wert sein.

Cloud Act & Foreign Intelligence Surveillance Art

Der Cloud Act, erlassen 2018 in den USA, erlaubt es US-Behörden unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen auf Daten von amerikanischen Unternehmen zuzugreifen.

Der Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA), ein US-Gesetz zur Überwachung und Informationsbeschaffung, erlaubt US-Nachrichtendiensten den Zugriff auf Daten ausländischer Staatsangehöriger, wenn dies für nachrichtendienstliche Zwecke relevant ist.

Beide Gesetze gelten auch, wenn Daten zwar in der Schweiz gespeichert sind, der Anbieter einer Lösung aber ein US-Unternehmen ist. Aus diesem Grund müssen bei der Nutzung von Lösungen amerikanischer Anbieter, insbesondere cloudbasierter Software, gewisse Risiken abgewogen und ggf. mit zusätzlichen Massnahmen mitigiert werden, um die in der Schweiz geltenden Anforderungen an den Schutz besonders schützenswerter Daten zu erfüllen. Das hat die Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten in einer Resolution festgehalten.

Digitale Souveränität ist nur ein Aspekt der Digitalisierung. Stimmt der Eindruck, dass im Gesundheitswesen aktuell vieles in Bewegung ist?

Ich glaube, wir stehen heute an einem Wendepunkt. Der Fachkräftemangel sowie hoher Zeit- und Kostendruck belasten die Gesundheitsfachpersonen in ihrem Berufsalltag und bringen das System aus dem Gleichgewicht. Digitalisierung soll auf verschiedenen Ebenen für Entlastung sorgen, zum Beispiel bei der Administration. Die Technologie schreitet unaufhaltsam voran. Sie bietet neue Möglichkeiten, beispielsweise durch künstliche Intelligenz, und kann hoffentlich wirklich dazu beitragen, das Gesundheitspersonal in der Breite zu entlasten. Auch die Politik mischt mit: Regulatorische Entwicklungen wie die Umwandlung des EPD in ein E-GD, eine E-Rezept-Pflicht und staatliche Programme wie DigiSanté definieren den Rahmen neu. Somit ja, ich würde sagen, dein Eindruck stimmt.

Also viele neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen …

Genau! Die Vielfalt digitaler Lösungen ist gross, und für technische Laien ist es schwierig und aufwändig herauszufinden, welche von ihnen wirklich entlasten können. Nicht alle Lösungen lassen sich in die Prozesse in Arztpraxen oder Institutionen des Gesundheitswesens integrieren, nicht alle erfüllen die Anforderungen an den Schutz sensibler Daten… Welche Lösungen braucht es wirklich? Welche Prozesse lohnt es sich zu digitalisieren? Wie gelingt es, gesetzliche Anforderungen pragmatisch umzusetzen, ohne sich in komplexen oder zentralisierten Strukturen zu verlieren? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen heute viele Gesundheitsfachpersonen.

Wie unterstützt HIN ihre Mitglieder bei der digitalen Transformation?

HIN wurde vor ziemlich genau 30 Jahren gegründet, und zwar von Ärzten für Ärzte. Das damalige Ziel: Die E-Mail, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, auch für die Arbeit mit sensiblen Gesundheitsdaten nutzbar machen. Die FMH und ihre Mitglieder haben HIN in der Anfangszeit sogar mit einer befristeten Erhöhung der Mitgliederbeiträge getragen. Heute ist auch die Apothekenschaft durch ofac und pharmaSuisse an HIN beteiligt. HIN gestaltet also die digitale Transformation des Gesundheitswesens aus dem Berufsstand heraus mit. Wir sind keinem kommerziellen Konzern und keinem Staatsapparat verpflichtet. Deshalb können wir regulatorisch erforderliche Schritte – wie den Zugang zum EPD und anderen staatlichen Infrastrukturen – für Leistungserbringer effizient umsetzen. Gleichzeitig können wir Projekte und Initiativen unterstützen, die von der Ärzte- und Apothekenschaft selber initiiert werden. Ein Beispiel hierfür ist das E-Rezept Schweiz. Und wir arbeiten mit innovativen Partnern zusammen, um unseren Mitgliedern beispielsweise sichere und souveräne künstliche Intelligenz zugänglich zu machen.

HIN gestaltet die digitale Transformation des Gesundheitswesens aus dem Berufsstand heraus mit.

Du hast das E-Rezept Schweiz erwähnt. Damit können Ärztinnen und Ärzte Rezepte elektronisch signieren. Was unterscheidet die Lösung von anderen Digitalisierungsvorhaben?

Die Initiative für das E-Rezept Schweiz ging nicht vom Staat aus, sondern von der FMH und pharmaSuisse. Und das ist der Unterschied: Die Initianten kennen die Herausforderungen im Gesundheitswesen und bringen die Interessen ihrer Mitglieder ein. Deshalb konnten wir das E-Rezept Schweiz gemeinsam so konzipieren, dass es wirklich den Anforderungen der Leistungserbringer entspricht.  Das E-Rezept Schweiz zeigt exemplarisch, wie Digitalisierung gelingen kann: als Kooperation auf Augenhöhe, mit realem Nutzen für den Alltag und ohne unnötige Komplexität. HIN liefert die technische Infrastruktur und koordiniert die Einführung mit den Primärsystemanbietern. Die Abläufe rund um das Ausstellen und Einlösen der E-Rezepte gestalten Ärztinnen und Apotheker weiterhin selbst.

Im Zentrum aller HIN Services steht die HIN Identität, auch um ein E-Rezept auszustellen oder einzulösen braucht es sie. Warum ist sie so wichtig?

Die HIN Identität ist heute das wichtigste und am weitesten verbreitete digitale Identifikationsmittel im Schweizer Gesundheitswesen – und damit eine einzigartige Errungenschaft der Schweizer Ärzteschaft. Sie macht es möglich, via HIN Client einfach und sicher auf Dutzende relevanter Applikationen zuzugreifen, beispielsweise auf Zuweiser- und PACS-Portale. Stell dir vor, die Gesundheitsfachpersonen müssten sich für jede davon ein eigenes Passwort merken und sich jedes Mal neu einloggen. Es hat zwar viel Zeit gebraucht, aber inzwischen sind wir unserem Ziel des «Single Sign-on» – quasi ein Schlüssel, der einem im digitalen Gesundheitswesen alle Türen öffnet – schon sehr nahe.

Seit 2025 erneuert HIN ihre Plattform grundlegend. Warum?

Die Plattformerneuerung ist ein grosser und wichtiger Schritt bei HIN. Es ist nicht einfach Innovationsdrang, der uns inspiriert hat, sondern unsere Verantwortung gegenüber unseren Mitgliedern, gegenüber Partnern im Gesundheitswesen und gegenüber den Menschen, deren Daten und Kommunikation es zu schützen gilt. Die neue HIN Plattform schafft eine technologische Grundlage, welche die Interessen der Leistungserbringer wahrt und die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringt. Und sie schafft die Basis dafür, dass HIN auch künftig sichere, datenschutzkonforme Schweizer Lösungen bieten kann. Trotz all der Neuerungen bleibt bei HIN der Grundsatz erhalten: Sicherheit und Einfachheit müssen Hand in Hand gehen. Die neue HIN Plattform ist modular, interoperabel und zukunftsfähig, aber auch bewusst pragmatisch aufgesetzt.

Mit der Plattformerneuerung legen wir den Grundstein für einen noch sichereren, zukunftsfähigen Vertrauensraum.

Spüren HIN Mitglieder die Neuerungen heute schon?

Ja! Ein bereits sichtbarer Bestandteil der Erneuerung ist das neue HIN Mail für die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten. Technologisch basiert es auf einer dezentralen Speicherarchitektur. Damit werden Nachrichten nicht mehr auf einem zentralen Server, sondern verschlüsselt auf mehreren unabhängigen Knoten gespeichert. Das bietet höhere Ausfallsicherheit und besseren Schutz vor Cyberangriffen. Auch die Messaging-Lösung HIN Talk, die auf der Technologie des Schweizer Anbieters Threema basiert und nun sukzessive um neue Funktionen erweitert wird, können Mitglieder bereits nutzen. Im Zuge der Plattformerneuerung gibt es auch einen neuen HIN Client für die Mitglieder. Diesen werden wir voraussichtlich im Frühsommer 2026 ausrollen.

HIN feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Wofür wird sich das Unternehmen in den nächsten Jahren einsetzen?

Bei HIN glauben wir an die Vorteile eines vernetzten Gesundheitswesens, in dem die vielfältigen Akteure einfach und sicher kommunizieren und zusammenarbeiten. Mit der Plattformerneuerung legen wir den Grundstein für einen sicheren, zukunftsfähigen Vertrauensraum, der zu dieser Vision beiträgt. Basierend darauf werden wir uns auch in den kommenden Jahren dafür einsetzen, die Möglichkeiten der Digitalisierung für Gesundheitsfachpersonen einfach und sicher nutzbar zu machen. Damit unsere Mitglieder davon profitieren können und dabei digital souverän bleiben.

HIN engagiert sich im Netzwerk SDS

HIN ist Mitglied im «Netzwerk SDS – Souveräne Digitale Schweiz». Dieses fördert den fachlichen Austausch von Schweizer Akteuren zu digitaler Souveränität. Diskutiert werden Themen wie die Reduktion von Hersteller-Abhängigkeiten, die Nutzung und Entwicklung von Open Source Technologien sowie souverän betriebenen IT-Infrastrukturen. Auch der internationale Austausch mit ausländischen Behörden und Firmen spielt eine wichtige Rolle.

Mehr über das Netzwerk SDS
Philipp Senn
Autor: Philipp Senn - Leiter Kommunikation

Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

Expertise
Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Kommunikationsspezialist habe ich in der IT, im Verbandswesen und in der öffentlichen Verwaltung Erfahrung gesammelt. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

Redaktionelle Inhalte
Im HIN Blog informiere ich über aktuelle Entwicklungen bei HIN, stelle Persönlichkeiten und Meinungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen vor und berichte über E-Health und Datensicherheit. Ich führe Interviews mit Exponenten der Branche oder recherchiere Hintergrundinformationen – und gebe Ihnen so einen Einblick hinter die Kulissen.

Ganz persönlich
(Fremd-)Sprachen und Technik stehen bei mir auch privat hoch im Kurs, sei es bei Reisen in ferne und weniger ferne Gefilde oder kleinen Bastelprojekten in Haus und Garten. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Familie. Ich lache gern und bin für ein spannendes Gespräch unter Freunden, Kollegen oder Bekannten immer zu haben.

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