Die Schweiz leistet sich das teuerste Gesundheitssystem der Welt, verweigert sich aber einer souveränen Digitalisierung.
Reto Vogt
Reto Vogt ist freier Schweizer Journalist, Keynote-Speaker und Experte für KI, Medien und Technologie. Seit Januar 2026 verantwortet er als Chief Program Officer das gesamte Aus- und Weiterbildungsangebot am MAZ in Luzern. Zuvor war er dort Studienleiter für Digitale Medien und KI sowie von 2021 bis 2024 Chefredaktor von inside-it.ch.
Wäre ich Lehrer statt Journalist geworden und würde beispielsweise an einer Primarschule unterrichten, ich wäre vermutlich nicht besonders streng mit den Schülerinnen und Schülern. Ich würde ihnen Mut zusprechen, sie motivieren und auch mal ein Auge zudrücken, damit ich ihnen noch eine 4 statt einer ungenügenden Note ins Zeugnis schreiben kann.
Wäre ich hingegen für die Benotung im Fach Digitalisierung im Gesundheitswesen zuständig, müsste ich selbst mit schier grenzenloser Nachsicht zur roten Tinte greifen. Selbst mit zwei zugedrückten Augen käme der «Schüler» – wobei das Verhalten der Akteure in diesem Fach tatsächlich schüler- oder sogar eher stümperhaft ist – kaum über eine 3 hinaus. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand auf eine andere Bewertung kommt.
Das digitale Organspenderegister sorgte für mehr Transparenz als ursprünglich gewollt und das EPD heisst jetzt EGD. Aber auch das wird nicht helfen, die Gesundheitsdaten von Bürgerinnen und Bürgern zu digitalisieren. Eine baufällige Klinik wird auch nicht sicherer, wenn die Fassade einen Neuanstrich erhält und ein moderneres Logo über dem Eingang hängt.
Kann es die Schweiz nicht besser oder will sie nicht? Die föderalen Strukturen und die fragmentierte Branche sind für mich mehr Ausrede denn Erklärung. Die nackten Zahlen liegen seit Jahren auf dem Tisch: Obwohl die hohen Gesundheitskosten beim Sorgenbarometer der Bevölkerung stets zuoberst sind und das Sparpotenzial durch die Digitalisierung im Gesundheitssektor auf 11,8 Prozent oder 8,2 Milliarden Franken beziffert wird, geht es nicht mal in kleinen Schritten vorwärts.
Im Gegenteil.
Was wir erleben, ist eine strategische Kapitulation vor der Komplexität. Weil der politische Wille fehlt, nationale Lösungen voranzutreiben, flüchten sich viele Leistungserbringer in die Arme globaler IT-Giganten. Stellvertretend dafür steht der Trend zu monolithischen US-Softwareplattformen, für die sich bereits grosse Spitäler in Bern, Luzern und bald auch Zürich entschieden haben. Aus Sicht eines Spitalmanagers ist dieser Griff nachvollziehbar: Wer kann einem schon vorwerfen, den Branchenprimus gewählt zu haben? Nobody gets fired for buying Microsoft gilt auch im Gesundheitswesen. Und vielleicht ist die Beschaffung sogar wirtschaftlich zu rechtfertigen, wenn sie bei der Automatisierung von Prozessen (lies: beim Abbau von Stellen) hilft.
Problematisch ist der Kauf von amerikanischer Software dennoch:
- Geopolitische Abhängigkeit: Wer seine kritische Infrastruktur auf Software aus Drittstaaten aufbaut, unterwirft sich deren Gesetzgebung. Der Cloud Act oder der Foreign Intelligence Surveillance Act etwa erlauben es US-Behörden, Zugriff auf Daten zu verlangen, selbst wenn diese in der Schweiz liegen. Ebenso haben die Amerikaner die Möglichkeit, den Spitälern der Software-Zugriff zu entziehen. In einer politisch instabilen Weltlage wird diese Abhängigkeit zum existenziellen Risiko.
- Der totale Vendor Lock-in: Wer hunderte Millionen investiert, um seine Prozesse in ein geschlossenes, proprietäres System zu zwängen, kommt da so schnell nicht mehr raus. Man ist Preiserhöhungen und strategischen Anpassungen des Anbieters komplett ausgeliefert. Ein Wechsel wird aufgrund der Kosten und der Datenmigration faktisch unmöglich.
Die hiesigen Akteure werden so zum Mieter in der eigenen Infrastruktur. Sie finanzieren zwar die Betten und das Personal, aber die digitale Haustechnik gehört einem Vermieter in Übersee. Und dieser kann jederzeit die Miete erhöhen oder die Schlösser austauschen.
Dabei gäbe es Auswege aus dieser digitalen Abhängigkeit. Souveränität bedeutet nicht, das Rad in der Schweiz neu zu erfinden, sondern die Kontrolle über die Schnittstellen zu behalten. Ansätze dafür gibt es: Die konsequente Nutzung von offenen Standards wie FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources ) ist einer davon. Dieser ermöglicht es, verschiedene Systeme miteinander zu vernetzen, statt sich einem einzigen Giganten auszuliefern. Wenn wir in diese Interoperabilität investieren, statt nur in Lizenzgebühren, fördern wir zudem das heimische Ökosystem. Die Vision des Vereins Gesundheitsdatenraum Schweiz, nämlich die menschenzentrierte Digitalisierung des Schweizer Gesundheitssystems, zielt hierbei in die richtige Richtung.
Ein Land, das sich das teuerste Gesundheitssystem der Welt leistet, sollte auch in der Lage sein, dessen digitale Infrastruktur selbstbestimmt zu gestalten. Die Frage ist nicht, ob wir uns digitale Souveränität leisten können. Die Frage ist, ob wir uns deren Fehlen leisten wollen.
Als Lehrer würde ich jetzt sagen: Noch ist die 4 erreichbar. Aber nur, wenn endlich die Hausaufgaben gemacht werden.
Und wie digital Souverän ist HIN?
Bei HIN legen wir besonderen Wert auf Datenschutz, Transparenz und Unabhängigkeit: Technologien müssen nachvollziehbar sein, Daten bleiben in der Schweiz, und Prozesse orientieren sich konsequent am Schweizer Gesundheitswesen und Datenschutz. Es ist uns wichtig, dass Gesundheitsfachpersonen und Patientinnen die Kontrolle über ihre Daten behalten. Unser Ziel ist, dass die HIN Services die Sicherheit sensibler Gesundheitsinformationen gewährleisten.
Hier einige Beispiele:
- HIN Mail: Der E-Mail-Verkehr ist Ende-zu-Ende verschlüsselt, und sämtliche Daten werden sicher in der Schweiz verarbeitet und gespeichert.
- HIN Talk: Basierend auf der Messaging-Lösung von Threema, Open-Source und in der Schweiz betrieben. Auch Threema selbst hat keinen Zugriff auf den Inhalt der Nachrichten.
- Swiss HealthAssist: Die KI-Lösung für den Gesundheitsalltag entstand in Partnerschaft mit AlpineAI. Sie wird in der Schweiz betrieben, speichert keine Nutzerdaten und verwendet sie nicht zur Weiterentwicklung des Sprachmodells.