Informationssicherheit in Ihrer Praxis: risikobasiert handeln, sicher bleiben
Digitale Tools können den Praxisalltag enorm erleichtern, doch sie bringen auch neue Sicherheitsfragen mit sich. Wie schützen Sie Patientendaten optimal, ohne den Überblick zu verlieren? Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie ein risikobasiertes Vorgehen Sie dabei unterstützt, die Informationssicherheit in Ihrer Praxis effektiv und effizient zu gestalten. Erfahren Sie, wie Sie sensible Daten schützen, gesetzliche Vorgaben einhalten und Vertrauen schaffen.
Im Gesundheitswesen sind digitale Anwendungen unverzichtbar. Doch jede neue Software, jeder Cloud-Dienst birgt Risiken. Ein Terminerinnerungs-Tool ist anders zu bewerten als eine Diagnose-Software. Deshalb empfiehlt HIN, Sicherheitsentscheidungen risikobasiert zu treffen. Das bedeutet: Massnahmen werden nicht nach Gefühl getroffen, sondern danach festgelegt, wie wahrscheinlich und wie folgenschwer ein unerwünschtes Ereignis ist.
Es geht also nicht darum, alles maximal abzusichern oder neue Technologien zu meiden. Vielmehr sollen Sie als Gesundheitsfachperson die Risiken verstehen, priorisieren und angemessene Massnahmen ergreifen. Der Grundsatz lautet: Je sensibler die Daten, desto sorgfältiger die Prüfung und desto vorsichtiger die Entscheidung.
Der Risikomanagement-Zyklus in der Praxis
Ein effektives Risikomanagement folgt einem einfachen Kreislauf:
- Risiken identifizieren: Was kann schiefgehen? Werden besonders schützenswerte Daten verarbeitet? Besteht eine Abhängigkeit von externen Anbietern? Gibt es regulatorische Vorgaben?
- Risiken bewerten: Wie wahrscheinlich ist das Eintreten, und wie gravierend wären die Auswirkungen? Die Kombination aus Wahrscheinlichkeit und Schwere der Auswirkungen ergibt ein realistisches Bild.
- Umgang mit Risiken festlegen:
- Vermeiden – auf eine Aktivität verzichten.
- Reduzieren – durch technische oder organisatorische Massnahmen (z.B. Verschlüsselung, Zugriffsbeschränkungen).
- Übertragen – durch vertragliche Regelungen oder Versicherungen.
- Akzeptieren – wenn das Restrisiko vertretbar ist.
- Massnahmen umsetzen und überprüfen: Risiken können sich immer wieder ändern. Eine einmalige Beurteilung reicht daher nicht. Risikomanagement ist ein wiederkehrender Prozess.
Was eine gute Risikoabwägung leistet
Eine gute Risikoabwägung liefert keine einfachen Ja/Nein-Antworten, sondern eine nachvollziehbare Entscheidungsgrundlage. Dies ist wichtig, um später Fragen beantworten zu können, z.B. warum ein bestimmtes Tool eingesetzt wurde.
Eine nachvollziehbare Entscheidung muss …
- den konkreten Kontext berücksichtigen: Dieselbe Anwendung kann je nach Praxis und Datenart unterschiedlich zu beurteilen sein.
- Verantwortlichkeiten klären: Wer entscheidet? Wer betreibt das System? Wer hat Zugriff auf Daten und Schlüssel?
- dokumentiert werden: Nur so können spätere Änderungen beurteilt und Entscheidungen erklärt werden.
Typische Prüffragen für digitale Vorhaben
Stellen Sie sich vor der Anschaffung neuer Anwendungen oder Tools folgende Fragen:
1. Datenklassifizierung und Schutzbedarf
- Welche Daten werden bearbeitet? Klassifizieren Sie diese nach Vertraulichkeit (öffentlich, intern, vertraulich, geheim) und Verfügbarkeit (unwichtig, wichtig, elementar). Gesundheitsdaten gelten als besonders schützenswert und unterliegen dem Berufsgeheimnis.
- Wie hoch ist der Schutzbedarf? Bewerten Sie, ob der Schutzbedarf insgesamt hoch oder niedrig ist.
- Wie erfolgt Datensicherung und Wiederherstellung?
- Gibt es regulatorische Auflagen, die berücksichtigt werden müssen? Prüfen Sie, ob es zwingende Vorgaben gibt, z.B. aus dem Datenschutzgesetz (DSG).
2. Technik und Architektur
- Wird die IT-Systemarchitektur beeinflusst? Prüfen Sie, ob die Lösung bestehende Systeme verändert oder neue Abhängigkeiten schafft.
- Muss Software installiert werden? Falls ja: Werden Administrator-Rechte zur Ausführung benötigt?
- Wurde der oder die IT- bzw. System-Verantwortliche einbezogen? Konnte dieser oder diese eine fachliche Einschätzung abgeben?
3. Verschlüsselung und Zugriff
- Wie werden die Daten verschlüsselt? Wer hält die Schlüssel, wo werden diese abgelegt und wer hat Zugriff darauf? Kritisch ist die Verwaltung durch Dritte.
- Wer hat Zugriff auf die Daten? Berücksichtigen Sie Mitarbeitende, Anbieter, Supportstellen und Cloud-Betreiber. Wo liegen die Daten (CH, EU, Ausland)?
4. Partner und Nachhaltigkeit
- Wie vertrauenswürdig ist der Anbieter? Welche Risiken bestehen in der Zusammenarbeit? Prüfen Sie Herkunft, Transparenz und Vertragsbedingungen.
- Ist die Sicherheit langfristig garantiert? Stammt die Software aus einer Quelle, die Updates und Sicherheit über die gesamte Laufzeit gewährleisten kann?
- Wie sieht der Support aus? Sind Schwachstellenmanagement und ein geregelter Ausstieg (Exit-Strategie) definiert?
Risiken und Massnahmen rechtzeitig einschätzen – besonders bei Cloud- und KI-Diensten
Cloud- und KI-Dienste bieten Vorteile, führen aber oft zu komplexeren Datenflüssen über verschiedene Systeme, Anbieter und sogar Länder hinweg. Hier ist besondere Sorgfalt geboten. Es muss klar sein, welche Daten übermittelt, zu welchem Zweck sie verarbeitet, wie lange sie gespeichert werden und welche Kontrollmöglichkeiten Sie behalten.
Wir empfehlen Ihnen vor dem Einsatz den Leitfaden des EDÖB und die Einschätzungen namhafter Institutionen (z.B. privatim) zu konsultieren und bei Bedarf weitere Unterstützung anzufordern.
Fazit: Bewusst entscheiden, statt nachträglich reparieren
Digitale Sicherheit entsteht durch bewusste Entscheidungen. Erkennen Sie Risiken frühzeitig, treffen Sie passende Massnahmen und nutzen Sie neue Technologien verantwortungsvoll. HIN empfiehlt, Vorhaben systematisch zu prüfen, Ergebnisse festzuhalten und regelmässig zu aktualisieren. Die zentrale Frage ist weniger, was technisch möglich ist, sondern vielmehr, was für die Daten, die Menschen hinter diesen Daten und für Ihre Praxis als Ganzes vertretbar ist.
Ein risikobasiertes Vorgehen liefert keine einfachen Antworten, aber es stellt die richtigen Fragen. Das wiederum ist der erste Schritt zu sicheren und verantwortungsvollen Entscheidungen.