Ärztin am Computer

KI im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen: So gelingt die Einführung

Philipp Senn
Philipp Senn

Künstliche Intelligenz (KI) kann in Arztpraxen echte Entlastung bringen. Wenn sie auf das Schweizer Gesundheitswesen spezialisiert ist, konform zu den strengen Regulatorien arbeitet und vom Fachpersonal souverän gesteuert wird. Dieser Beitrag zeigt, woran Sie eine geeignete KI-Lösung erkennen und wie Sie Stolpersteine bei der Einführung in Ihrer Praxis umgehen. 

Weniger Administration, saubere Abrechnung, vollständige Dokumentation – und mehr Zeit fürs Patientengespräch: Immer wieder hört man diese und ähnliche Versprechen, wenn es um die Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) im Gesundheitswesen geht. In der Praxis zeigt sich aber, dass Ärztinnen und Ärzte nur von einem spürbaren Mehrwert ohne «Wenn und Aber» profitieren, wenn eine KI-Lösung auf die Schweizer Rahmenbedingungen zugeschnitten ist und sich in bestehende Abläufe einfügt, statt neue Brüche zu erzeugen.

Swissness ist Pflicht

Wer KI in der Praxis einsetzt, bewegt sich im Schweizer Rechtsrahmen – und der ist verbindlich. Abrechnungen müssen Tarifsysteme wie TARDOC korrekt abbilden, Leistungen müssen nachvollziehbar dokumentiert sein. Gleichzeitig gelten KVG- und DSG-Vorgaben, inklusive Einwilligungen, Zweckbindung und sauberer Protokollierung.

Auch die Praxisrealität ist schweizerisch: Mehrsprachigkeit (unsere drei Landessprachen sind Pflicht, Fremdsprachen wie Ukrainisch sind die Kür), kantonale Besonderheiten und die Bedingung, dass Gesundheitsdaten in der Schweiz verarbeitet werden. Dazu kommen eine starke Authentisierung, klare Rollen- und Rechtekonzepte sowie lückenlose Audit-Trails. 

«Moderne Schnittstellen und Standards wie FHIR/CH Core bilden die Grundlage für praxistaugliche KI-Lösungen»

Zusammenspiel mit PIS entscheidet

Um qualitativ hochwertige, individuell auf den Patienten abgestimmte Ergebnisse zu bekommen, muss KI auf dessen relevante Daten – beispielsweise aus der medizinischen Vorgeschichte – zugreifen können. Diese Daten liegen im Praxisinformationssystem (PIS). In erfolgreichen Projekten erleben wir, dass moderne Schnittstellen und Standards (z. B. FHIR/CH Core) die Grundlage für praxistaugliche KI-Lösungen bilden. Solche Schnittstellen sind zudem unumgänglich, damit KI-Funktionen neue Befunde, Berichte oder Nachrichten im richtigen Format verarbeiten und Ergebnisse strukturiert zurückspiegeln können.

Ebenso wichtig ist das Nutzererlebnis: KI hat den Vorteil, dass sie blitzschnell und automatisiert Daten in natürliche Sprache übersetzen und umgekehrt aus menschlicher Sprache (z.B. Audio-Aufnahmen) strukturierte Daten gewinnen oder Informationen in verschiedene Formate umwandeln kann. Aber auch die effiziente Interaktion von Fachpersonen und KI-Tools ist wichtig, damit nicht ein Teil der gewonnenen Zeit durch zu viel Copy-&-Paste zwischen verschiedenen Applikationen wieder aufgefressen wird. 

Nachvollziehbarkeit statt Black-Box-Ergebnisse

Geht es um Entscheidungen, die ein so wichtiges Gut wie die Gesundheit eines Menschen betreffen, ist Transparenz kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung für Akzeptanz und rechtliche Sicherheit. Eine akzeptable Trefferquote einer KI-Lösung genügt daher nicht; vielmehr muss jede Empfehlung eine Logikspur mitliefern: Welche Kriterien wurden wie gewichtet, welche Quelle hat welchen Befund belegt? Transparenz schafft Vertrauen und ermöglicht fachliche Korrektur, ohne die Geschwindigkeit zu verlieren.

«Bei Entscheidungen betreffend der Gesundheit eines Menschen ist Transparenz kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung für Akzeptanz und rechtliche Sicherheit»

Wo setzt KI in der Praxis an?

Wie erwähnt, kann KI Gespräche direkt in verwertbare Dokumentation umwandeln, eignet sich also ideal für Diktate von Befunden und strukturierte Zusammenfassungen von Erstgesprächen (z.B. Anamnese, Medikation, Leitsymptome) oder auch Verlaufsgesprächen und Therapiesitzungen (z.B. der Psychiatrie). Auch Team-Meetings, Medical Boards oder Qualitätszirkel lassen sich lückenlos protokollieren und später auswerten.

In der Dokumentation selbst kann KI helfen, Langdossiers in prägnante Anamnese- oder Verlaufszusammenfassungen zu überführen und Arztbriefe als solide Entwürfe vorzubereiten. Bei HIN arbeiten wir auch daran, die Last im Posteingang mit KI zu reduzieren: E-Mails könnten künftig von der KI sinnvoll vorsortiert, priorisiert und zusammengefasst werden. Rückfragen oder Zuweisungen entstehen dann als Entwurf, den die MPA oder der Arzt fachlich freigibt.

Woran Sie eine gute Lösung erkennen

Bei der Evaluation zählt die Substanz mehr als eindrucksvolle Demos. Empfehlenswert sind Lösungen von vertrauenswürdigen, in der Schweiz etablierten Anbietern, welche ihr System zusammen mit praktizierenden Schweizer Ärztinnen und Ärzten (weiter)entwickeln und die Eingabe und Verarbeitung sensibler Gesundheitsdaten ohne Compliance-Risiko gewährleisten. Zurückhaltung ist bei Konstruktionen geboten, die per Anonymisierung/De-Anonymisierung Daten mit einer amerikanischen oder chinesischen KI verarbeiten; eine hundertprozentige Zuverlässigkeit lässt sich hier nämlich nicht garantieren. Vielmehr sollten sowohl die Datenhaltung als auch die KI-Verarbeitung in zertifizierten Schweizer Rechenzentren erfolgen.

Weiter sollte die KI ihre Quellen offenlegen; Ergebnisse überprüfbar begründen; gut mit dem PIS zusammenarbeiten; stabile CH-Schnittstellen und -formate beherrschen; Patientendaten nicht ungefragt in Trainingsprozesse fliessen lassen; und – was z.B. Prompts, Policies, Sprache und Prioritäten anbelangt – zur Praxis passen, damit die Steuerbarkeit durch die damit arbeitenden Gesundheitsfachpersonen gegeben ist.

Checkliste: Eignet sich eine KI-Lösung für das Gesundheitswesen?

Damit sich eine Lösung für Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz eignet, sollten Sie alle folgenden Fragen mit «Ja» beantworten können:

  • Stammt die Lösung von einem vertrauenswürdigen, in der Schweiz etablierten Anbieter?
  • Wurde sie in Zusammenarbeit mit praktizierenden Schweizer Ärztinnen und Ärzten (weiter)entwickelt?
  • Erfolgt sowohl die Datenhaltung als auch die KI-Verarbeitung in zertifizierten Schweizer Rechenzentren?
  • Legt die Lösung die Quellen für ihre Resultate und Antworten offen?
  • Kann sie Ergebnisse überprüfbar begründen?
  • Arbeitet sie Hand in Hand mit Ihrem PIS / KIS?
  • Ist sichergestellt, dass die Lösung Patientendaten nicht ungefragt in Trainingsprozesse fliessen lässt?

KI in der Praxis einführen – Stolpersteine

In der Startphase sollte eine Praxis das Fundament aufbauen: Rollen und Rechte, Datenflüsse sowie erste Policies für Verhaltensregeln, Tonalität, Sprache und Dokumenttypen. Ziel ist ein sicherer, alltagstauglicher Grundbetrieb. Gerade am Anfang sollte der Fokus auf wenigen, klaren Use Cases liegen – etwa Gesprächsaufzeichnung und Bericht-Generierung. In kurzen Schleifen holen Sie Feedback von MPA und Ärztinnen ein, schärfen Vorlagen und Prompts, schulen das Team und verankern die neuen Routinen.

Wenn die Einführung von KI Schwierigkeiten bereitet, dann liegt das selten an der Technik selbst, sondern an Prozess- und Medienbrüchen sowie unklaren Spielregeln. Ebenso kritisch, wenn auch verständlich, ist das Streben nach «Überautomation». Obwohl KI eine mächtige Technologie mit grossen Potenzialen ist, kann sie keine Wunder vollbringen und alle administrativen Prozesse autonom erledigen. KI erkennt Muster, sammelt Informationen, erstellt Entwürfe – der Mensch kontrolliert und entscheidet.

Fazit: CH-konform, integriert, steuerbar

Erfolgreiche KI in der Arztpraxis ist nicht spektakulär. Sie ist unsichtbar gut: rechtskonform, integriert in die Abläufe und von den Mitarbeitenden steuerbar. So sinkt der Administrationsaufwand spürbar und es entsteht mehr Raum für die medizinische Kerntätigkeit.

Wenn Sie ein neues KI-Tool evaluieren, sprechen Sie Spezialisierung, Transparenz und Schweizer Rechtsrahmen zuerst an. Und testen Sie zwei konkrete Use Cases über einige Tage. Wir von HIN unterstützen Sie mit sicheren elektronischen Identitäten, nützlichen Services und vielfältigen Informationen rund um die sichere digitale Zusammenarbeit. Damit KI vom Buzzword zum verlässlichen Praxis-Werkzeug wird.

Ärzte schauen auf ein Tablet

Swiss HealthAssist: Die KI-Lösung von HIN

Swiss HealthAssist ist eine sichere, datenschutzkonforme Schweizer KI-Technologie, entwickelt von HIN, in Zusammenarbeit mit unserer Partnerin AlpineAI. Sämtliche Funktionen sind auf die Bedürfnisse medizinischer und psychologischer Fachpersonen sowie für Personen aus der Pflege im Schweizer Gesundheitswesen zugeschnitten.

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Ärztin vor Alpenpanorama mit Schriftzug

Weiterbildung: KI erfolgreich umsetzen im Gesundheitswesen

Das Institut für Kommunikation und Führung IKF bietet einen kompakten Online-Kurs an, der praxisnah durch die wichtigsten KI-Anwendungsfelder im Gesundheitswesen führt.  In 14 Abendsessions à 1,5 Stunden erhalten die Teilnehmenden einen Überblick und arbeiten mit Expertinnen und Experten an realen Fragestellungen aus der Praxis.

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Philipp Senn
Autor: Philipp Senn - Leiter Kommunikation

Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

Expertise
Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Kommunikationsspezialist habe ich in der IT, im Verbandswesen und in der öffentlichen Verwaltung Erfahrung gesammelt. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

Redaktionelle Inhalte
Im HIN Blog informiere ich über aktuelle Entwicklungen bei HIN, stelle Persönlichkeiten und Meinungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen vor und berichte über E-Health und Datensicherheit. Ich führe Interviews mit Exponenten der Branche oder recherchiere Hintergrundinformationen – und gebe Ihnen so einen Einblick hinter die Kulissen.

Ganz persönlich
(Fremd-)Sprachen und Technik stehen bei mir auch privat hoch im Kurs, sei es bei Reisen in ferne und weniger ferne Gefilde oder kleinen Bastelprojekten in Haus und Garten. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Familie. Ich lache gern und bin für ein spannendes Gespräch unter Freunden, Kollegen oder Bekannten immer zu haben.

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