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«KI ist wie eine Motorsäge» – ein Gespräch über künstliche Intelligenz fürs Gesundheitswesen von heute und morgen

Philipp Senn
Philipp Senn

KI verspricht dem Gesundheitswesen grosse Entlastung und neue Möglichkeiten. Wie lässt sich dieses Potenzial realisieren – technisch, ethisch und im Alltag? Und wie müssen wir KI gestalten, damit sie dem Menschen nützt statt schadet? Thilo Stadelmann, Mitgründer unseres KI-Partners AlpineAI, Professor an der ZHAW und Leiter des dortigen KI-Forschungszentrums, ordnet ein. Wir haben ihn online zum Gespräch getroffen.

Thilo Stadelmann

Thilo Stadelmann ist Professor für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen an der ZHAW School of Engineering in Winterthur. Er ist Gründungsdirektor des dortigen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (CAI) und Leiter der Forschungsgruppe für Maschinelle Wahrnehmung und Kognition. Er ist (Mit-)Gründer und Teil des Leitungsteams mehrerer Organisationen im digitalen Raum, darunter das Start-up AlpineAI, das gemeinsam mit HIN die KI-Lösung fürs Gesundheitswesen Swiss HealthAssist lanciert hat. Thilo Stadelmann berät internationale Organisationen und Think Tanks zu Fragen der KI-Ethik und Zukunft der Gesellschaft.

HIN: Herr Stadelmann, in den Medien liest man gegenwärtig viele Warnungen: KI als Jobkiller, KI als Fake-News-Schleuder, KI als unberechenbare Blackbox … Sie dagegen versuchen, Mut zu machen. Weshalb?

Thilo Stadelmann: Weil KI ein Werkzeug ist, nicht mehr. KI-Tools simulieren intelligentes Verhalten, haben aber kein Bewusstsein. Sie nehmen uns keine Freiheit und keine Jobs weg. Die entscheidende Frage ist, wie viel Verantwortung wir freiwillig abgeben. Wenn ich ChatGPT frage, was ich heute essen oder morgen anziehen soll, gebe ich etwas von meiner Freiheit an die KI ab. Aber das ist eine menschliche Entscheidung. Wir stehen noch am Anfang und müssen herausfinden, wie wir solche Systeme sinnvoll in unseren Alltag integrieren wollen. Privatpersonen, Organisationen, Branchen, Länder, einfach alle stehen jetzt an diesem Punkt.

Gerade auch im Gesundheitswesen hält KI Einzug. Warum sollten Gesundheitsfachpersonen KI in ihren Alltag integrieren?

Es geht vor allem darum, von Arbeit zu entlasten, die eigentlich kein Mensch machen will. Niemand wählt einen Gesundheitsberuf, um seitenweise Berichte zu schreiben. KI entlastet dort, wo Menschen heute viel Zeit verlieren: bei Dokumentationspflichten, repetitiven Aufgaben, Mustererkennung. Nehmen wir an, ein Arzt hat bereits mehrere Stunden Schicht hinter sich und muss dann auf ein Röntgenbild schauen. Dann kann ein KI-Assistent hilfreich sein, mit dem der Arzt seine eigene Beurteilung abgleichen kann. Hier macht KI also Sachen besser. Und dann wird uns KI vermutlich auch helfen, Sachen zu entwickeln, die es noch gar nicht gibt. Therapien oder Medikamente zum Beispiel.

Das klingt sehr nach Effizienzsteigerung. Aber führt das nicht einfach zu mehr Patientinnen und Patienten pro Stunde?

KI bietet die Chance, Zeit dorthin zu verlagern, wo sie medizinisch und menschlich am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Natürlich bringt Automatisierung mehr Effizienz. Was ich mit der Effizienz mache, kann aber in verschiedene Richtungen gehen. Sage ich: «Super, jetzt kannst du noch mehr Patienten behandeln, du musst ja nicht mehr nebenher noch tippen». Oder sage ich: «Fantastisch, wir haben wieder mehr Zeit für die einzelne Patientin und können damit unsere Leistung dort verbessern, wo es darauf ankommt». Es ist also nicht eine Technologie-, sondern eine Führungs- und Managementfrage, welche Klinikdirektionen und Praxisinhaberinnen beantworten müssen, nicht die Tool-Anbieter oder Plattformbetreiber.

Damit spielen Sie auf die Vorherrschaft amerikanischer und chinesischer IT-Konzerne beim Thema KI an. War digitale Souveränität für Sie ein Beweggrund, AlpineAI zu gründen?

Bei der digitalen Souveränität beziehungsweise Technologie-Souveränität geht es darum, Wahlfreiheit über die eigenen Werkzeuge zu behalten: Nicht von weltweiten Anbietern abhängig zu sein, die typischerweise in den USA sitzen, sondern lokale Alternativen zu haben. Strenge Datenschutzgesetze sorgen hier vermutlich dafür, dass lokale Alternativen eine Chance haben und gross genug werden können, um echte Alternativen zu sein. Und ich glaube, dass wir dadurch bessere Qualität und niedrigere Kosten haben. Neben diesen betriebswirtschaftlichen Argumenten kommen auch wir als Patient:innen dazu. Wir wollen die Hoheit über unsere Daten haben und nicht, dass automatisch die Versicherung die gleichen Daten hat wie die Ärztin. Um das zu erfüllen, glaube ich, stehen die Chancen besser, wenn wir lokale Alternativen haben.

Wie alles begann: die Anfänge der KI

Die Wissenschaft, die wir heute als Künstliche Intelligenz kennen, beginnt in den 1950er Jahren. Der britische Wissenschaftler und Mathematiker Alan Turing und der amerikanische Informatiker John McCarthy brachten das Thema entscheidend voran. Alan Turing stellte 1950 eine entscheidende Frage: «Können Maschinen denken?» Auf ihn geht der berühmte Turing-Test zurück. Er schlug eine Methode vor, um zu überprüfen, ob eine Maschine menschliches Denkverhalten überzeugend simulieren kann. John McCarthy, der als «Vater der KI» gilt, prägte 1956 den Begriff «Artificial Intelligence». Noch im selben Jahr veranstaltete er eine Konferenz am Dartmouth College, die als der offizielle Startpunkt der KI-Forschung gilt.

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Sie selber engagieren sich enorm fürs Thema KI und beschäftigen sich seit Ihrer Jugend schon damit. Was treibt Sie heute an?

Damals faszinierte mich vor allem, dass man mit KI Probleme automatisiert lösen kann, für die Menschen sonst den Kopf einsetzen. Heute kommt eine zweite Frage dazu: Wie gehen wir als Gesellschaft mit diesem mächtigen Werkzeug um? Ich bin überzeugt, dass KI zu einer sehr positiven und lebenswerten Zukunft beitragen kann, wenn wir sie richtig einsetzen.

Sie sagen, wir müssen lernen, mit dem Werkzeug KI umzugehen. Was meinen Sie damit genau?

KI ist wie eine Motorsäge: ein Werkzeug wie viele andere, das uns hilft, übermenschliche Dinge zu tun. Im Grunde also nichts Besonderes. Aber: Wir interagieren mit ihr auf einer Ebene, die sonst nur Menschen vorbehalten ist. Die Systeme «sprechen» mit uns, geben uns die Illusion, unsere Gedanken zu «verstehen». Es gibt sogar Menschen, die sich in ein KI-System verliebt haben. Deshalb müssen wir verstehen, dass diese Systeme so gebaut sind, dass sie uns genau diese Illusion geben. Und lernen, damit umzugehen. Entscheidend ist für mich als Wissenschaftler und Unternehmer die Frage: Wie bauen wir KI so, dass sie Gutes bewirken kann, ohne negative Konsequenzen wie psychische Probleme zu verursachen? Denn diese Technologie ist eigentlich noch ein Rohdiamant. Und das, obwohl sie schon siebzig Jahre Entwicklung hinter sich hat.

Zum Schluss möchten wir den Bogen wieder zum Gesundheitswesen schlagen. Wie könnte das von KI durchdrungene Gesundheitswesen der Zukunft aussehen?

Ich glaube nicht, dass Menschen im Gesundheitswesen durch KI ersetzt werden. Eher im Gegenteil: Heute sind Fachpersonen überlastet, weil sie Tätigkeiten ausführen müssen, die nichts mit ihren Kernaufgaben zu tun haben. Wenn die Überlastung wegfällt, könnten wir uns endlich mehr auf diese Kernaufgaben konzentrieren, die uns befriedigen und Spass machen. Nehmen wir eine Arztpraxis: Als Patient bin ich immer froh um die 25 Sekunden, die ich mit der MPA am Empfang habe, die mir sagt, wo ich mich hinsetzen kann und wie lange es ungefähr dauert. Momentan können es nur 25 Sekunden sein, weil ich noch das Krankenkassenkärtchen scannen muss und dieses und jenes. KI wird nicht dafür sorgen, dass es die MPA aus Fleisch und Blut nicht mehr braucht, sondern dafür, dass sie sich wieder auf das konzentrieren kann, weswegen sie mal in den Beruf gegangen ist. Das gleiche gilt für Ärzt:innen. Vielleicht wird es im OP vermehrt Roboter geben, die auch nach 27-Stunden-Schichten unermüdlich und mit ruhiger «Hand» eine perfekte Naht nach der anderen ausführen. Aber grundsätzlich sollte sich nicht viel ändern. Ausser eben, dass wir wieder mehr Zeit füreinander haben.

Philipp Senn
Autor: Philipp Senn - Leiter Kommunikation

Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

Expertise
Sprache und Informationstechnik haben mich schon immer fasziniert – bei HIN kann ich beides verbinden. Als Kommunikationsspezialist habe ich in der IT, im Verbandswesen und in der öffentlichen Verwaltung Erfahrung gesammelt. Als Leiter Kommunikation bei HIN und «nebenamtlicher» Referent für die HIN Academy möchte ich unseren Lesern vielschichtige Aspekte der digitalen Transformation vermitteln und ihr Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Fragen der IT-Sicherheit schärfen.

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(Fremd-)Sprachen und Technik stehen bei mir auch privat hoch im Kurs, sei es bei Reisen in ferne und weniger ferne Gefilde oder kleinen Bastelprojekten in Haus und Garten. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Familie. Ich lache gern und bin für ein spannendes Gespräch unter Freunden, Kollegen oder Bekannten immer zu haben.

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